Gedanken einer Frau - Pascale Rozes "Tolstoj in der Nacht"
Luxemburger Wort, 15. März 2005
von D. Schnabel
Wenn ein Mann nach einem heftigen Streit das Haus verlässt und nicht mehr heimkehrt, dann wird
sich die Ehefrau in der Regel Sorgen oder zumindest Gedanken machen. Wenn dann der Mann ein
berühmter Schriftsteller ist und die Frau Tagebuch führt, so reicht das Geschehen zu einem
Dokument, das Interesse weckt. So verhält es sich in diesem Fall. Das Ganze heißt im Original
"Tolstoi la nuit", ist ein Monodram von Pascale Roze, wurde von Harald Riemann aus dem
Französischen übersetzt und unter dem Titel "Tolstoj in der Nacht" im "Le Cafe-Theatre" in
Heilbronn erstaufgeführt. Regie führte der Luxemburger Nicolas Kemmer, seit vier Jahren
künstlerischer Leiter dieser Privatbühne im Kaffeehaus Hagen.
Man schreibt den 26. August 1882. Die Frau, die sich Gedanken macht, ist Sofja Andrewna, seit 20
Jahren die Frau des Schriftstellers Lew Nikolajewitsch Graf Tolstoj, dem sie 13 Kinder geboren
hat. Es ist die Nacht, in der der damals 53-jährige Mann, der dann im Jahr 1910, zehn Tage vor
seinem Tod, seine Familie endgültig velaren hat, um in asketischer Einsamkeit zu leben, zum ersten
Mal nicht nach Hause kommt. Mit ihrem Tagebuch als Quelle verdichtete Pascale Roze Gedanken der um
16 Jahre jüngeren Arzttochter, die acht Ausgaben der gesammelten Werke ihres Mannes herausgegeben
hat, und lässt sie in dieser Nacht monologisieren.
Dabei erfahrt man viel über das Verhältnis dieser Menschen im Besonderen, aber auch einiges über
das Verhältnis von Frauen und Männern zueinander im Allgemeinen. Sofia spricht von einem "leeren
Körper ohne Seele" ohne ihn, sie fragt: "Hat es Sinn, um Lumpen sich zu streiten." Sie behauptet
aber auch: "Er hat mich verraten, er hat mich belogen." Sie spricht von sich in der dritten
Person, sie versetzt sich aber auch in ihn und "redet mit seiner Zunge, in seiner Sprache, mit
seinen Ideen". Sie erinnert sich an die Zeit, als sie zehn Jahre alt war und er ein 26-jähriger
Offizier, und in diesem Zusammenhang fallt der Satz: "Sie gibt dir alles."
(...)
Cornelia Bielefeldt, mit streng nach hinten gekämmten, schwarzen Haaren, ist Tolstojs Ehefrau
Sofia. Sie spielt diese Rolle nicht nur mit großem Engagement, sie versteht es auch, die ganze
Tiefe der Gedanken dieses informativen, aber auch zum Nachdenken anregenden, poetischen Monodramas
auszuloten und dazu die Breite der Gefühle einer liebenden Frau zu verdeutlichen, die sich nicht
nur mit Missverständnissen auseinandersetzen muss, sondern die auch bereit ist, zu kämpfen, um ihn
und für sich. Behutsam und einfühlsam führt Nicolas Kemmer Regie und bringt ein Stück
Tolstoj-Sekundärliteratur, mit mehr literarischer als dramatischer Qualität, zur Aufführung.
