Blick zurück auf alte Ideale
Heilbronner Stimme, 20. Oktober 2010
von Uwe Deecke
Heilbronn "Aquarius" klingt aus den Boxen, die Blümchen-Bluse flattert im Wind,
Flower-Power wohin man auch blickt: Die 68er sind der Ausgangspunkt für Wolfgang Schukrafts
bittersüße Komödie "Silberhochzeit", die im Le Café Theatre im Kaffeehaus Hagen Premiere feierte.
Es ist die Geschichte von der freien Liebe, die nach 25 Jahren bei der Silberhochzeit endet. Oder
enden könnte, denn so genau weiß man das nach dem 80minütigen Stück nicht. Die Chance auf ein
Happy End bleibt am Tag vor der Silberhochzeit, an dem die Frau ihre Ehe Revue passieren lässt.
Arm aber glücklich war man damals, man demonstrierte, war politisch engagiert, er zumindest. Sie
hielt Marx und Engels für ein Komikerduo, fühlte sich verloren in Paris und liebte nur ihren Mann.
Man erfüllte so ziemlich jedes Klischee, fühlte sich unglaublich individuell und anarchistisch.
Dann wurde sie schwanger, man bekam von den Eltern eine Eigentumswohnung und fügte sich ein in das
Establishment, dass man all die Jahre verdammt hatte.
68er-Klischees Cornelia Bielefeldt spielt überzeugend diese Frau im
Ein-Personen-Stück, das die Geschichte einer Ehe mit einiger Gesellschaftskritik erzählt. Der
Blick zurück unter der Regie von Nicolas Kemmer hat aber auch Humor, wenn die 68er-Klischees auf
die Schippe genommen werden. Da tönt "Hair" aus den Boxen, wird im Stroboskoplicht getanzt und es
dominieren die Farben orange, rot und türkis auf Kleidern und Plattencovern.
Nach "Männerduft" ist dies das zweite Stück von Wolfgang Schukraft, der bei Ulm ein Theater
betreibt. Schonungslos beschreibt er Seitensprünge, die Kurzlebigkeit der Ideale und die Macht der
Gewohnheit. Das Paar steht an einem schicksalsträchtigen Punkt: Der Sohn will heiraten, während
sie ihre Silberhochzeit feiern sollen. Als Gäste kommen Ärzte und Anwälte. Wer hätte das vor 25
Jahren gesagt.
