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Blick hinter die Theaterkulissen

Theaterkabarett: Nicolas Kemmer inszeniert "Gretchen 89 ff."

Fränkische Nachrichten, 15. September 2011

von Dieter Schnabel

Ein gefundenes Fressen für komödiantische Schauspieler ist das so genannte "Theaterkabarett" des 1964 in Heilbronn geborenen, in Berlin lebenden Lutz Hübner mit dem Titel "Gretchen 89 ff." Der rührt daher, dass die Szene "Abend. Ein kleines reinliches Zimmer" in Goethes "Faust. Erster Teil.", das dem Ganzen als Aufhänger dient, angeblich auf diesen Seiten abgedruckt sein soll. In Wirklichkeit ist die Szenenfolge jedoch Theater ums Theater - und so setzt sie auch der Luxemburger Nicolas Kemmer im Heilbronner "Le Café-Théâtre" in Szene, dessen künstlerischer Leiter er seit zehn Jahren ist. Und so spielt er denn auch den Theaterdirektor, der einführende Worte zu Szenen spricht.
In rund zwei Stunden lernt man verschiedene am Theater vor und hinter den Kulissen tätige Männer und Frauen kennen, vor allem Regisseure, die die Szene recht unterschiedlich inszenieren, und Schauspielerinnen, die sie nicht weniger verschiedenartig interpretieren. Ein Tisch, zwei Stühle, eine Tür, über der zu lesen ist: "Probe. Bitte nicht stören" und dazu ein von Gunda Wingler ausdrucksstark stilisiert gemaltes "Mephisto"-Bild genügen, um Atmosphäre zu schaffen.
Vor allem sind es aber die Schauspielerin Cornelia Bielefeldt, vornehmlich als Gretchen, und Schauspieler Hanno Wingler, überwiegend als Regisseur, die mit ihrer großen Verwandlungskunst und ihrem nuancenreichen Spiel die von Lutz Hübner mit feinen Strichen witzig geeichneten Charakteren des Theaterlebens verkörpern und die sich die Chance nicht entgehen lassen, sich im schnellen Wechsel in immer wieder andere Rollen zu bewähren. Dabei kommt ihnen zugute, dass immer die aufeinandertreffen, die sozusagen wie die Faust aufs Auge passen.
Zunächst hat "Der Schmerzensmann" das Sagen. "Er sucht das Extreme, er raucht Kette." Sein Credo lautet: "Ich will kein schönes Theater, ich will Wahrheit." Dann kommt "Der alte Haudegen", der einst bei Gründgens und Hilpert große Rollen gespielt hat und dessen Regiearbeit sich im Grund darin erschöpft, dass er in Erinnerngen schwelgt und Anekdoten von früher erzählt. "Der Schauspieler an sich" bringt eine über Kolleginnen, Intendanten und Regisseure schimpfende Schauspielerin und einen abgeklärten Requisiteur zusammen, den nichts erschüttern kann. "Das Tourneepferd" hat es mehr auf die Schauspielerin, "das junge Hascherl", als auf den Text abgesehen. Für den "Streicher" ist das Ganze eine lästige Pflichtübung. Das Theater ist für ihn eigentlich überflüssig und so meint er am Ende der Probe "Wenn ich das so höre, nehmen wir die ganze Szene raus". "Der Hospitant" ist dagegen naiv, auf den Kopf gefallen und findet das Theater einfach toll. "Der Freudianer" skeletiert den Text, legt den Blutstrom frei und lässt Gretchen als Domina auftreten.
Doch auch die Schauspielerinnen sind nicht besser. "Die Anfängerin" beginnt mit Lockerungs-, Atem- und Sprechübungen, "sie sitzt auf der Bühne und kann sich nicht entschließen, den Boden der Theorie zu verlassen". Kein Wunder, dass sie zum Ergebnis kommt: "Am schlimmsten sind die Regisseure der Provinz". "Die Diva" ist gleichermaßen empört über die Rollen, die man ihr gibt, wie über die, die man ihr nicht gibt. Sie fühlt sich ständig als Opfer eines Komplotts und leidet. "Die Dramaturgin" hat Visionen eines verkanntes Genies und so spielt bei ihr auch ein Mann das Gretchen.
In Heilbronn spielt Cornelia Bielefeldt ihre Rollen einmal streng, ein anderes Mal sexy, einmal nervös, ein anderes Mal abgeklärt - sie skizziert die verschiedenen Charaktere gekonnt.
Seinen unterschiedlichen Aufgaben ist Hanno Wingler stets gewachsen, einmal grüblerisch, ein anderes Mal überlegen, einmal stotternd, ein anderes Mal forsch - ein Komödiant, der immer eine gute Figur macht.

Mehr Informationen zur Produktion "Gretchen 89 ff."