Lebensbeichte vor Publikum
Theater Heilbronn: "Mein letzter Film" im Le Café Théâtre erstaufgeführt
Fränkische Nachrichten, Tauberbischofsheim/Bad Mergentheim/Buchen/Walldürn/Wertheim,
12.
Januar 2012
von Dieter Schnabel
Sie heißt Marie und ist Schauspierlerin, genauer gesagt Film- und Fernsehschauspielerin. Jetzt
legt sie ihre Lebensbeichte ab und nennt sie "Mein letzter Film". Und so heißen auch der
gleichnamige Film des 63-jährigen, in Hamburg geborenen, in Frankfurt am Main und am Gardasee
lebenden Bodo Kirchhoff und das nach ihm entstandene Stück, das im Heilbronner Le Café Théâtre
erstaufgeführt wurde.
"Das ist mein letzter Film und er ist nicht fürs Publikum bestimmt, nur für fünf Personen", sagt
Marie am Anfang. Dieses Theaterstück ist aber fürs Publikum und nicht nur für fünf Personen
bestimmt. Ihr erster Liebhaber hieß Christian und war wohl Terrorist. Und dazu gehört der Satz:
"Die Liebe ist die einzige positive Katastrophe in unserem Leben". Richard war ihr Entdecker, den
sie heiratete, als sie 26 Jahre alt war und er 33. Von ihm wurde sie schwanger, doch das Kind
starb drei Tage nach der Geburt. Vor vier Jahren haben sie sich getrennt, doch er blieb wohl nicht
ihr Mann, aber ihr Regisseur, denn "das Ende einer Ehe ist nicht das Ende der Serie". Dann gab es
da noch den verheirateten Politiker Paul, der sich heimlich mit ihr vergnügte, und den
Fußball-Trainer und -Fanatiker Thomas, der sie nebenbei auf Trab hielt und ein Meister des Küssens
war, dessen Hauptinteresse aber dem rund Leder und seinen Kumpels galt. Von ihnen, vor allem von
Richard, und von anderen, etwa von Elisabeth, die einst ihre beste Jugendfreundin sein sollte und
von der sie Christian aufs Auge gedrückt bekam, erzählt Marie während sie ihren letzten Film
dreht.
Da bekommt man allerlei Allerweltsweisheiten zu hören, aber auch Einfühlsames und sogar tief
Empfundenes und man bekommt Einblick in das (Seelen-) Leben einer durch ihren Beruf bekannten und
von nicht wenigen beneideten, erfolgreichen Frau. Weil sie aber nicht der Meinung ist, doch wie's
da drinnen aussieht, geht niemand was an, erzählt sie von ihren Freuden, noch mehr aber von ihren
Leiden, ihren Sorgen und Nöten. Und das macht dann auch den Wert des gut beobachteten,
psychologisch gekonnt gezeichneten Stücks von Bodo Kirchhoff aus, das keine
Voyeurismus-Geschichte, sondern eine gelungene Charakterstudie ist.
Eine Garderobe, eine Bücherwand, ein Tisch mit zwei Stühlen, "Richards Lieblings-Sessel", eine
Tür, ein Vorhang vor dem Fenster, das ist im Wesentlichen die Ausstattung. In diesem Milieu gibt
Cornelia Bielefeldt zwei Stunden lang, einschließlich einer Pause, die Marie, "zeitlos schön in
den Jahren, die verfliegen". Sie kommt in einem karierten Mantel, legt ihn ab und steht dann in
einem quergestreiften Kleid auf der Bühne, nachdem sie zuvor noch einen jungen Mann, im karierten
Hemd und orangenfarbener Jeans, der an der Theke nach einem Espresso verlangte, gefragt hat:
"Haben Sie lange gewaret?" und ihm versichert hat: "Ich habe Sie mir älter vorgestellt". Dieser
junge Mann, der ihren letzten Film dreht, ist Marco Sannwald.
Nuancenbereich
Die blonde, attraktive Cornelia Bielefeldt ist nicht nur in der äußeren Erscheinung als Marie
glaubhaft, sie versteht es auch, die Wandlungen in den Gefühlen und Gedanken dieser Schauspielerin
transparent zu machen. So verkörpert sie, in der behut- und einfühlsamen Regie von Nicolas Kemmer,
überzeugend, ebenso nuancenreich wie expressiv die ungeniert ihre Lebensgeschichte vor nicht nur
fünf Perosnen im Heilbronner Le Café Théâtre ablegende Schauspielerin Marie.
